Der Juniorbär kam zu uns…

 

img_20170210_112134Meine erste Geburt war eigentlich keine… (warum ich das denke, könnt ihr bald hier nachlesen…) Ich bin für eine selbstbestimmte und angstfreie Geburtskultur und daher ist das letzte was ich möchte, Schwangere mit meinem Geburtsbericht zu traumatisieren. Daher ist es mir wichtig an dieser Stelle zu sagen: Folgende Erfahrungen sind aus der damaligen Perspektive geschrieben, ich war uninformiert und ängstlich, was den ganzen Verlauf maßgeblich beeinflusst hat. Wenn Du also gerade ein Kind erwartest, musst Du dies hier nicht lesen! Wenn Du es doch willst, denk bitte immer daran, dass sind MEINE Erfahrungen und MEINE Geschichte, dies ist nicht Teil Deiner Geschichte und Deinen Geburtsverlauf bestimmst Du selbst und kannst ihn wunderschön machen (so wie ich meine zweite Geburt)!

Die Geburt unseres ersten Bärenkindes verlief leider nicht ganz so toll, leider habe ich mich damals noch ziemlich wenig mit der Geburt beschäftigt und dass was ich mir angelesen und vorgenommen hatte hat nicht wirklich funktioniert, weil unser Kleiner sich doch „vorzeitig“ (35+5 SSW) auf den Weg gemacht hat und ich mit der „Diagnose“ Frühgeburt dann im KH doch ziemlich vollständig entmündigt und fremdbestimmt wurde.

Mein Leben lang hatte ich Angst vor einer Geburt. Mein Standartspruch war immer „Ich will ein Kind, aber bitte mit Vollnarkose und Kaiserschnitt!“ Nun war ich auf einmal tatsächlich schwanger und das änderte natürlich alles. Ich las einiges, auch darüber, wie ein Kaiserschnitt sich auf das Baby auswirken kann etc. Und im Verlauf der Schwangerschaft war es auch so, dass mit dem Kind in mir auch der Wunsch nach einer Geburt heranreifte! Ich überlegte und las also, was das Beste für uns sein könnte und entwickelte ziemlich feste Vorstellungen. (Leider bin ich damals aber nicht über die „richtigen“ Bücher gestolpert…) Ich plante für mich und mein geliebtes Baby eine natürliche, möglichst eingriffsfreie, sanften Wassergeburt mit dem Versuch, Wehen mit positiven Gedanken und Bewegung zu begegnen. Ich kaufte sogar extra ein dunkelrotes Handtuch, damit mein Baby gleich darin eingehüllt werden könnte, weil ich irgendwo gelesen hatte, dass die rote Farbe das Baby an den Bauch erinnert und das ankommen erleichtert… Ich weiß noch, wie traurig ich war, als mir im KH einfiel, dass wir wegen des plötzlichen Starts das gerade erst gewaschene und getrocknete Handtuch nicht mitgenommen hatten… Aber das sollte nicht die schlimmste Änderung in meinen Plänen werden…

Mir wurde andauernd gesagt als Erstgebärende würde ich bestimmt „übertragen“ und das Baby kommt bestimmt erst mindestens eine Woche nach dem „Termin“… So rechnete ich noch überhaupt nicht mit seiner Ankunft, als ich in Woche 35+5 plötzlich einen Blasensprung hatte. Das hört sich jetzt recht wenig an, oft höre ich „das ist ja dann kein richtiges Frühchen…“, und tatsächlich, war zu unserer großen Erleichterung nach der Geburt alles in Ordnung mit ihm… Allerdings, wusste ich das noch nicht und die Angst, dass irgendetwas nicht stimmt, war einfach sehr groß als er sich fast einen Monat vor dem errechneten Termin auf den Weg machte. Außerdem machte es im Krankenhaus einen riesen Unterschied. Einige Wünsche, wie zB die Wassergeburt, schieden dadurch per se schonmal aus… Ich bekam zuhause eine richtige Panikattake weil ich mich einfach noch nicht bereit fühlte.  Und mein Mann rief pflichtbewusst, wie es uns Arzt und Hebamme eingetrichtert hatten, sofort den Krankenwagen, damit ich im Liegen ins KH transportiert würde (denn angeblich ist es ja ganz ganz ganz gefährlich, wenn die Blase so früh platzt…)

So war ich ca. 15Minuten nach dem Blasensprung im KH, in dem erst einmal ein CTG geschrieben wurde. Man redete mit mir gleich (ca 15Minuten nach dem Blasensprung) über eine Einleitung, die ja dann erfolgen müsste wenn die Wehen nicht bald losgehen. Keine 30Minuten später hatte ich allerdings ohne jegliche Einleitung minütliche recht starke Wehen. Ich bekam einen ungewollten und zunächst völlig unnützen Zugang gelegt („das MUSS sein, für den Notfall“…). Ich wurde aus dem Aufnahmeraum in einen Übergangsraum verlegt (kein Kreissaal, denn die Geburt „ging ja noch nicht los“). Dann wurde ich per CTG ans Bett „gefesselt“ (ununterbrochene Überwachung auf Grund des Frühchens „zwingend notwendig“ …) Meine Bitte nach dem tragbaren CTG, damit ich mich bewegen kann wurde ständig abgeblockt mit „ruhen Sie sich mal noch aus, das wird noch anstrengend genug wenn die Geburt losgeht“…) Da nach Ansicht der dortigen Hebammen meine Geburt nicht „wirklich losging“ kam ich auch nie in einen Kreissaal mit der von mir soooo ersehnten Dusche, Pezziball und schöner Atmosphäre, sondern blieb in meinem „Ersatzzimmer“ hängen, da die Kreissääle mit „wirklich“ Gebärenden belegt waren. Nach ca. 6Stunden Wehen und einer MuMueröffnung von ca. 4cm war ich von der Bewegungslosigkeit (mit Ausnahme ständiger Toilettengänge) und den ständigen Demotivationen („na das sind doch erst Kontraktiönchen, warten Sie mal die richtigen Wehen ab“) so mut- und kraftlos, dass ich eine PDA gefordert und bekommen habe. Danach konnte ich zwar tatsächlich ausruhen, trotz auf dem CTG ersichtlicher Wehen tat sich jedoch dann vom Geburtsverlauf nicht mehr viel.

Gegen 0.00 Uhr waren auf einmal im CTG keine Herztöne mehr zu hören, ich (bzw. mein Mann) rief noch ganz ruhig die Hebamme mit dem Gedanken „das Gerät ist bestimmt verrutscht“, das kennt man ja. Als die gute Frau kam war sie auch „ganz toll“, es beruhigte uns doch sehr, wie sie kein Wort zu uns sagte, sondern nur nach der Ärztin kreischend aus dem Raum lief „NOTFALL, HERZTONAUSFALL, WIR BRAUCHEN HIER EINEN NOTKAISERSCHNITT!!!“

Ich muss immernoch weinen, wenn ich an diesen wohl einen der schlimmsten Augenblicke meines Lebens denke. Damals allerdings bin ich (danke Mutter Natur, Gott oder Intuition oder was auch immer) gaanz ruhig geblieben und dachte nur „Du musst jetzt ganz tief und ruhig weiteratmen, damit das Kind wieder gut versorgt wird und alles gut wird“ ! Ich schloss die Augen und atmete ein paar Male gaaaanz tief und bewusst in den Bauch und zu meinem Baby und siehe da: Die Herztöne kamen plötzlich wieder. In dem Moment rannten dann auch schon Ärztin und Hebamme ins Zimmer, sahen die Herzaktivität und beobachteten kurz. Dann wurde aber gleich gesagt, dass die Herztöne zwar vorhanden, jedoch „pathologisch“ seien und dennoch auf Grund des noch nicht weit genug fortgeschrittenen Geburtsverlaufes ein Kaiserschnitt gemacht werden müsse…

Mein Satz „Eigentlich wollte ich so gerne eine natürliche Geburt, aber…“ wurde von der Ärztin gleich unglaublich barsch unterbrochen mit „Das geht hier aber nicht um Sie, sondern um das Wohl des Kindes“ Klar, das Kind hat ihr sicher auch sehr viel mehr bedeutet als mir…

Naja, eine Stunde wurden wir noch aus mir unerfindlichem Grund „liegen gelassen“, ohne dass irgendwer kam, während ich und mein Mann uns fortwährend Gedanken um unseren Kleinen und seine „pathologischen Herztöne“ machten.

Dann kam ich in den OP, wo mein Zugang, der ja vor 10Stunden schon vorsorglich für eben jenen Notfall gelegt worden war, wie von mir erwartet schon „zu“ war und man dann eine gefühlte Ewigkeit in meinen schlechten Venen nach einem neuen suchen musste. Durch die PDA war ich ja aber „wenigstens“ schon betäubt und die OP konnte offenbar losgehen, als plötzlich der Arzt fragte „ja wollte ihr Mann nicht auch dabei sein?“… JAAA, wollte er und er wartete auch schon fix und fertig. Ich hatte angenommen man würde ihn rufen, wenn alles „bereit“ sei. Hatte man wohl aber nicht denn wie mein Mann später berichtete war ich schon aufgeschnitten, als er dann in den Raum geholt wurde…

Um 1.13Uhr wurde dann mein Kleiner mit 2742g und 47 cm entbunden.

Ich bekam ihn wenige Sekunden gezeigt und dann rannte man fort mit ihm für seine Notfall-Untersuchungen und um zu sehen, ob er denn auf die Intensiv-Station müsse… Wie schon vorher abgesprochen lief mein Mann hinterher, um unseren Kleinen zu „bewachen“, während ich die darauf folgende wohl quälendste Stunde meines Lebens „allein“ im OP-Saal verbrachte, wo man mich zunähte (was aus unerfindlichen Gründen tatsächlich fast eine Stunde in Anspruch nahm) und auch nach ständiger Nachfrage von mir niemand kam um mir zu berichten, wie es denn meinem Baby geht … Ich bin noch immer, dreieinhalb Jahre später und trotzdem „alles in Ordnung“ war wütent, traurig und traumatisiert! Als ich endlich ins Zimmer zurückgerollt wurde, lag mein kleiner süßer Schatz ganz friedlich auf Papis nackter Brust und „lernte dort atmen und Herzrhythmus“. Ich war so erleichtert und verwirrt, warum hatte man mich mit dieser großen Angst liegen lassen, wenn doch alles ok war?! Darauf werde ich wohl nie eine Antwort bekommen…

Unsere lange Geschichte, wie wir unser art- und bedürfnisgerechtes Miteinander gefunden haben fängt hier erst an und ich werde den holprigen Start sicher auch noch aufschreiben, an dieser Stelle ende ich aber mal mit dem wehmütigen Bericht über die Ankunft meines ersten Kindes. Man sagt, der Tag an dem ein Kind geboren wird ist der schönste Tag im Leben. Für mich war es einer der schlimmsten. Trotz meiner Aufarbeitung und einer heilsamen zweiten Geburtserfahrung ist es mir nicht möglich, ohne Wut oder Trauer an diesen Tag zu denken.

EPILOG:

Einige Tage nach der Geburt, noch im Krankenhaus. Auf meine Bitte sind wir endlich in ein Familienzimmer gekommen, Ruhe, Frieden! Der Papa ist kurz nach Hause, Katzen versorgen, Sachen holen… Ich sitze am Fenster um meinem Kleinen gelblichen Zwerg etwas vom Sonnenlicht bescheinen zu lassen. Der blaue Himmel scheint über uns und die strahlende wärmende Julisonne nimmt einen Moment meine Erschöpfung von mir, wärmt uns, durchleuchtet uns… In meinem Kopf ertönt plötzlich Musik, und ich fange an für meinen Sohn zu singen. Glück! Da ist es, der schönste Tag in meinem Leben. Mit etwas Verzögerung aber umso mehr Wucht trifft mich die Erkenntnis „Ich bin hier, angelangt am Punkt meiner Träume. Dies ist, was ich mir immer gewünscht habe. Ich werde dieses Kind immer lieben für das was es ist.“ Einen Moment lang kann ich durch unsere Welt hindurchsehen, sehe nicht mein Baby sondern die pure Liebe, die es ist, das Band, was uns für immer verbindet. Ich sehe Zukunft und ich sehe, dass all seine Entscheidungen richtig sein werden und aus ihm einen fantastischen unglaublichen Menschen machen werden, auf den ich mich jetzt schon wahnsinnig freue, ihn Stück für Stück kennen zu lernen!!

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3 Gedanken zu “Der Juniorbär kam zu uns…

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  3. Hallo, ich bin über Instagram auf deinem Blog gestoßen und plötzlich bei diesem Bericht gelandet. Ich habe auch zwei Jungs in ca gleichen Alter wie deine und mir kamen hier wirklich die Tränen. Dein Geburtsbericht ist wirklich ergreifend – zum einen weil es so gelaufen ist wie es gelaufen ist und zum anderen weil du einfach alles so echt rüber bringst.
    Ich kann mich schlecht in so eine Frühchen und KS Situation hineinversetzen aber ich kann gut nachvollziehen wie schrecklich es ist im Ungewissen zu bleiben über das wohl des eigenen Kindes und keine entscheidungsgewalt bei der eigenen Geburt zu haben.
    Ich hatte bei der ersten Geburt eine wassergeburt ohne jegliche sonstige Schmerzmittel und ja – es war wirklich traumhaft – aber beim zweiten wurde ich eingeleitet, „angekettet“ und ständig überwacht. Nicht nochmal eine Wassergeburt zu erleben hat mich schon ziemlich entmutigt und „verängstigt“ weil ich so eine Geburt im Bett überhaupt nicht kannte.
    Mein zweiter Sohn ist auch ein „high Need“ Kind und vllt gibt es doch einen Zusammenhang bei solchen „extremen“ Geburten?!

    Ich hoffe jedenfalls dass ich noch viel von dir lese, sehr informativer Blog! 🙂

    Liebe Grüße aus Norwegen
    Franzi

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