Scherben

Letzten #Songtextsonntag fragte uns die Ökohippierabenmutter, welcher Song unser erstes Halbjahr 2017 wiedergibt oder prägte. Ich dachte kurz nach und kam sofort auf einen Song, der mir nun nicht mehr aus de Kopf geht und meine schlaflosen Nächte mit den immer gleichen Zeilen begleitet…

Wir hatten einige aufregende Wochen, anstrengende Monate und insgesamt ein aufwühlendes Jahr 2017 bisher. Ich habe einige Entwürfe in meinen Blogeinträgen, kein einziger kam zur Vollendung. Ebenso wenig konnte ich wirklich nähen oder einfach mal sitzen und einen heißen (!) Kaffee in einem Rutsch trinken. Einzig die Arbeit im Garten konnte ich größtenteils durchziehen und das ist für mich wirklich lebensrettend gewesen, kleine Einheiten der inneren Ruhe und Zeit für Gedaken während ich mich dem Kreislauf der Natur anschloss, Geburt, Wachstum und Vergänglichkeit.

Man sagt es braucht ein Dorf um Kinder großzuziehen. Bei uns verteilte sich die Last vollständig auf zwei paar Schultern, die dadurch auseinandergedrückt wurden. Es ist schon eine ziemlich große Last, 24Stunden am Tag für die Bedürfnisse zweier kleiner Lebewesen voll verantwortlich zu sein mit nur zwei Personen, von denen eine 40Stunden die Woche noch erwerbstätig ist.

Das allein ist wohl aber nicht verantwortlich für den Lauf der Dinge, das will ich damit nicht sagen.

Auch nicht die Kassiererin, die Streit und Zwietracht bringt, weil sie uns anfaucht was uns (und damit in dem Fall mir) einfällt das Kind auf das Kassenband zu setzen. Auch nicht der Busfahrer, nach dessen Abfuhr ich einen ganzen Tag niedergeschlagen war. Ich hatte ihn gebeten, uns nur eine Station von wenigen 100Metern „so mitzunehmen“, weil der Kleine nicht mehr laufen konnte. Eine Mutter mit Kleinkind im Buggy und humpelnden Vierjährigen im strömenden Regen. Er sagte nicht nur nein – sein gutes Recht –  sondern fuhr auch direkt nachdem er für die 1Minütige Fahrt 2€ kassiert hatte los, so dass sowohl Buggy als auch Kleinkind, die bei der hinteren Tür standen, durch den Bus flogen.

Auch nicht der Kindergarten ist verantwortlich, die meinem Mann mehr als verständlich machten, wenn ich so an den Kindern klammere, wird das einfach nichts mit der Eingewöhnung. Ein Jahr stellten wir Anträge, um die Bezahlung sicherzustellen, und entrichteten unsere Eigengebühren, um den Platz freizuhalten für den Zeitpunkt wenn der Mini 3wird, so dass dann beide zusammen in den Kindergarten kommen könnten. Und dann flatterte ein dreizeiliges Schreiben mit einer Kündigung in den Briefkasten. Ohne Vorwarnung, ohne Gespräch. Ihr gutes Recht.

Auch nicht die Ämter und ihre Bürokratien sind verantwortlich. So ist das nunmal, wenn man das Studium unterbricht. Man muss sich alle halbe Jahr darum kümmern, im System zu bleiben. Einen Fall für die Elternzeit gibt es nicht an der familienfreundlichen Hochschule. Eine Elternzeit, ohne sich Fristen vorzumerken. Eine Frau im Studiensekretariat, die meinen Studentenausweis im vor ihrer Tür liegenden Automaten mit gültigem Stempel versieht und mir zusendet, damit ich nicht nur für einen Stempel 2Stunden Hin- und Rückfahrt zum Studienort auf mich nehmen muss. Das ist Eigenaufgabe der Studenten – ihr gutes Recht das zu verweigern. Und das Jobcenter, das mehr und mehr und mehr Rückfragen hat zum ohnehin halbjährlichen Statusbericht – und dann immer mal wieder falsche Berechnungen liefert, denen dann widersprochen werden muss. Das kann ja mal passieren – ihr gutes Recht.

Auch sind meine Verwandten sicher nicht verantwortlich. Sie können mich nicht lieben, dass ist wohl ihrer eigenen Geschichte geschuldet. Die Teile, die ich von den Geschichten kenne, erklären schon mehr als genug. Sie wollen sich nicht mit mir belasten – ihr gutes Recht. und mein gutes Recht, mich nicht mehr zu belasten, indem ich den Beziehungen hinterherlaufe. Es gibt einen Punkt, an dem wird es einfach nur frustrierend, immer wieder zu versuchen ein „besserer Mensch“ zu sein, toleranter, geduldiger, liebevoller, und trotzdem nur Kritik und Bedingungen zu ernten.

Ach es gibt eine Millionen Geschichten, zur Elternzeit, zum letzten halben Jahr, in dem sich alle Lebenspläne noch einmal durchrüttelten. Von Geburten bis Todesfällen war 2017 alles dabei, viele Dinge, die mich und meinen Mann emotional mitgenommen haben. Sicher haben all die Umstände es uns nicht einfacher gemacht. Doch am Ende war es wohl eine Frage ob wir ein „Wir-gegen-den-Rest-der-Welt“-Team sind, oder ob wir uns an den teaminternen Uneinigkeiten zerreiben würden.

Hier bei uns, gibt es keinen Häuptling, keinen Stammesältesten, keine Weise Frau oder Clanführer oder sonst irgendwen, der zu und kommt, sich hinsetzt und sagt „Erzählt mal, was ist bei Euch los, was braucht ihr, um das wieder hinzubekommen?“ Leider. Hier gibt es nur Amtsvorschriften und Bürokratie: „Entscheiden Sie sich, Einstehensgemeinschaft oder nicht? Wenn Sie (temporär?) nicht ganz zusammenleben können, dann gar nicht!“ Und da es kein gefühltes ganz zusammen mehr gibt, musste die Bärenfamilie Konsequenzen ziehen und sich in zwei Bärenhalbmilien teilen. Innerhalb von 14 Tagen wurden zwei Leben, 4 Jahre Ehe und viele Jahr Freundschaft auseinanderdividiert. Es gibt nun zwei Bärenhaushalte  und viele offene Fragen. Zum Beispiel wie können zwei Menschen gleichzeitig 100% der geliebten Kinder behalten?! Lösungen haben wir noch nicht gefunden, aber einen dringenden Wunsch: Wir wollen, dass es unseren Bärenjungen immer gut geht und wir werden dafür kämpfen. MITeinander und wohl auch mal gegen unsere eigenen inneren Schweinehunde.

DSC_4004.JPG

Vielleicht komme ich weiter zum schreiben, denn das hilft. Und ich habe so sehr den Wunsch in mir, der Welt zu erzählen von meinen tollen Kindern, von ihren fantastischen Wesen und ihrer Kreativität. Mut zu machen Vertrauen ins Kind zu haben. und vielleicht kann ich hier auch schreiben, wie man das macht, eine Familie mit getrennten Eltern zu sein. Wie wir unseren Kindern vermitteln werden, dass es keinen Schuldigen gibt und nicht geben muss. Nur zwei Menschen, die sich sehr unterschiedlich entwickelt haben. Zwei Menschen, die Leben wollen, wie sie sind. Ihr gutes Recht. Und wie man damit umgeht, nicht an der Trauer zu zerbrechen, wenn andere Menschen einem wehtun, indem sie ihr gutes Recht leben.

Nun geht es auf in das zweite Halbjahr 2017. Vorerst lese ich hier Scherben zusammen und halte mich fest an einem Song, der mich wie kaum ein anderer traurig und hoffnungsvoll zugleich macht:

Scherben

Max Herre

Les die Scherben von gestern auf
Und merk, sie gehn nicht mehr zusammen
Ich lass dich los und du lässt mich auch
Vielleicht verstehn wir’s irgendwann

Les die Scherben von gestern auf
Und merk, sie werden nicht mehr eins
Lass mich gehn, ich lass dich auch
Und halt mich fest an dem, was bleibt

Da stand ’n Glas aufm Tisch und wir sahen es beide nicht
Sahen’s erst wie’s zerbricht
Und du sagst, „ich geh zu mir“
und Worte kann man nicht radier’n
Sie bleiben da, wie man sie spricht

Les die Scherben von gestern auf
Und merk, sie gehn nicht mehr zusammen
Ich lass dich los und du lässt mich auch
Vielleicht verstehn wir’s irgendwann
 
Und vielleicht sehn wir uns dann und wir gehn ein Stück zusammen
Da ist kein Schmerz im Wiedersehn
und ich sag: „es geht zu dir“
Jahre kann man nicht radier’n

Was war, kann uns niemand nehmen

Ich hoff‘, ich seh dich,
ich hoff‘, ich seh dich irgendwann.
Ich hoff‘, du siehst mich auch
und die Tränen sind vergangen

Les die Scherben von gestern auf
Und merk, sie gehn nicht mehr zusammen
Ich lass dich los und du lässt mich auch
Vielleicht verstehn wir’s irgendwann

Les die Scherben von gestern auf
und merk sie werden nicht mehr eins
Lass mich geh’n, ich lass dich auch
Denk an morgen, wenn du weinst

Ich hoff‘, ich seh dich,
ich hoff‘, ich seh dich irgendwann,
seh dich irgendwann.
Ich hoff‘, du siehst, siehst mich auch.

Advertisements

2 Gedanken zu “Scherben

  1. Pingback: Worte | GrÜN GRüN GRÜn

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s